The Last Original Thing on Earth
Originalität - bedeutet sie, etwas zu erschaffen, das noch nie dagewesen ist? Oder liegt sie vielmehr in der Art, wie wir Bestehendes neu interpretieren und zu etwas Eigenem machen? Ein Gedanke über Kunst, Inspiration und den Mut, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.
11/5/20262 min read
Angenommen, jedes denkbare Bild, jede Form und jede Kombination wäre bereits einmal geschaffen worden. Wäre Originalität damit unmöglich? Müssten wir aufhören, Neues zu erschaffen, weil es nichts mehr gibt, das nicht schon existiert?
Ich glaube, die Antwort hängt davon ab, was wir unter Originalität verstehen. Wenn wir darunter etwas verstehen, das vollkommen losgelöst von allem bisher Dagewesenen entsteht, dann ist sie unmöglich. Denn alles, was wir erschaffen, entsteht aus dem, was bereits in der Welt und in uns vorhanden ist. Wir lassen uns inspirieren, nehmen Eindrücke auf, greifen Gedanken auf und verbinden sie mit unseren eigenen Erfahrungen.
Ambrose Bierce schrieb einmal: «Es gibt nichts Neues unter der Sonne, aber es gibt viele Dinge, die wir noch nicht kennen.» Diesen Gedanken finde ich treffend. Nur weil etwas bereits existiert, bedeutet das nicht, dass wir es schon entdeckt haben. Und nur weil eine Form bereits verwendet wurde, ist damit noch lange nicht jede Möglichkeit ausgeschöpft, sie neu zu interpretieren.
Originalität ist für mich deshalb zugleich einzigartig und nicht einzigartig. Die einzelnen Bestandteile müssen nicht neu sein. Entscheidend ist, was wir aus ihnen machen. Die Verbindung, die Perspektive, die Interpretation. Die Art, wie wir Vorhandenes verändern und zu etwas Eigenem werden lassen.
Meine Bilder mögen Ähnlichkeiten mit den Werken von Jackson Pollock oder Georges Mathieu aufweisen. Das ist nicht auszuschliessen, schliesslich bewege auch ich mich innerhalb einer Kunstwelt, die bereits eine Geschichte hat. Farben, Formen und Techniken existieren nicht unabhängig von dem, was andere vor uns geschaffen haben. Dennoch fliesst in jedes meiner Bilder ein Stück von mir. Meine Intuition, meine Erfahrungen, meine Gedanken. Etwas, das sich nicht einfach übernehmen lässt, weil es untrennbar mit meiner Person verbunden ist.
Zwei Menschen können dieselben Farben verwenden, dieselben Künstler bewundern und vor derselben Leinwand stehen. Trotzdem werden sie nicht dasselbe Bild malen. Sie sehen die Welt durch unterschiedliche Augen. Sie haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, andere Gedanken entwickelt und andere Dinge empfunden. Sie ordnen das Vorhandene auf ihre eigene Weise an.
Genau darin liegt für mich Originalität.
Wir können in unsere Werke nur das einfliessen lassen, was in uns ist. Wer wir sind. Selbst wenn wir uns von anderen inspirieren lassen, bleibt die Art, wie wir diese Einflüsse verarbeiten, unsere eigene. Wir erschaffen nicht aus dem Nichts, sondern aus unserem Sein.
Das bedeutet nicht, dass jede Kombination automatisch originell ist. Es braucht eine eigenständige Auseinandersetzung, eine persönliche Interpretation, eine Transformation. Es reicht nicht, Bestehendes einfach zusammenzufügen. Entscheidend ist, ob daraus etwas entsteht, das eine eigene Handschrift trägt.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger besorgt danach suchen, ob etwas bereits einmal gemacht wurde. Denn die Frage, ob eine Idee absolut neu ist, führt uns schnell in eine Sackgasse. Interessanter ist doch, was wir selbst daraus machen können.
Max Stirner wird der Satz zugeschrieben: «Alle Menschen werden als Original geboren, doch die meisten sterben als Kopie.»
Ich verstehe diesen Gedanken nicht als Aufforderung, um jeden Preis anders zu sein. Wer ständig versucht, sich von allen anderen abzugrenzen, orientiert sich letztlich ebenfalls an ihnen. Originalität lässt sich nicht erzwingen. Sie entsteht, wenn wir aufhören, uns hinter fremden Vorstellungen zu verstecken, und beginnen, unserer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.
Das letzte Original auf Erden müsste deshalb keine neue Farbe, keine unbekannte Form und keine noch nie dagewesene Kombination sein.
Es könnte einfach jemand sein, der es wagt, die Welt auf seine eigene Weise zu sehen - und genau das sichtbar zu machen.
Weiterdenken...
The Beautiful Accident
Wenn etwas Ungeplantes gelingt, zeigt sich oft eine Qualität, die sich nicht erzwingen lässt.
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