The Beautiful Accident
Was passiert, wenn ein ungeplanter Tropfen plötzlich wichtiger wird als alles, was geplant war? The Beautiful Accident beschäftigt sich mit dem kleinen Fehler im Bild, der sich zunächst gegen die eigene Vorstellung von Ordnung stellt und es gerade dadurch interessanter macht. Ein Gedanke über Zufall, Unterbewusstsein, Kontrolle und Jane Bennetts Vorstellung von der Wirkmacht der Materie.
10/8/20262 min read
Ich betrachte gerade eines meiner Bilder und bleibe an einem Klecks hängen.
Ein Tropfen Farbe. Nicht wirklich gross. Eigentlich kaum der Rede wert.
Und doch sehe ich ihn sofort.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich ihn am Anfang nicht mochte. Er war nicht geplant. Er war einfach da. Ein kleiner Unfall in einem Bild, das sich eigentlich in eine andere Richtung entwickeln sollte.
Mein erster Gedanke war: Der muss weg. Der zerstört das ganze Werk.
Heute sehe ich ihn anders.
Denn genau dieser Fleck macht etwas mit dem Bild. Er stört die Ordnung. Er unterbricht etwas. Und plötzlich wirkt alles viel lebendiger.
Ich frage mich, warum das so ist.
War der Zufall im Spiel?
Oder hat mir mein Unterbewusstsein damit sagen wollen: Alles so korrekt ist doch langweilig. Zu sauber. Zu vorhersehbar. Zu wenig Leben?
Ich glaube, dass ein Bild genau diesen Moment, in dem etwas nicht so passiert, wie es passieren sollte, braucht, um speziell zu werden.
Während ich das Bild betrachte, muss ich an die Philosophin Jane Bennett und ihren Gedanken zum neuen Materialismus denken.
An die Vorstellung, dass Dinge nicht einfach passive Materie sind, die wir benutzen, während wir als Menschen die eigentlichen Handelnden bleiben.
Das verändert den Blick auf das Malen.
Ich benutze die Farbe nicht einfach.
Ich denke zusammen mit der Farbe.
Ich denke zusammen mit der Leinwand.
Die Farbe hat ihre eigene Konsistenz, ihre eigene Bewegung, ihre eigene Art, sich zu verhalten. Die Leinwand nimmt sie auf, hält sie zurück, verändert ihre Wirkung. Der Pinsel bewegt sich durch diese Materialien, aber nicht alles daran lässt sich vollständig kontrollieren.
Daher ist Malen für mich weniger ein einseitiges Handeln als ein Gespräch.
Ich setze etwas in Gang.
Die Farbe reagiert.
Die Leinwand reagiert.
Ich reagiere darauf.
Und plötzlich entsteht etwas, das keiner von uns allein geplant hat.
Der Gedanke gefällt mir.
Denn er nimmt dem Künstler ein wenig die Allmacht.
Ich bin nicht diejenige, die einfach eine Idee hat und diese dann möglichst präzise in Materie übersetzt.
Ich bin Teil eines Vorgangs.
Und manchmal mischt sich offenbar noch jemand ein.
Dieser kleine Fleck zum Beispiel.
Ich hätte ihn übermalen können.
Ich hätte ihn hervorheben können. Ihn zum Zentrum machen. Ihm nachträglich Bedeutung geben.
Aber ich habe ihn stehen lassen. Wie er ist.
Interessant ist, dass alle drei Möglichkeiten etwas über mich erzählen.
Warum stört mich ein Fehler überhaupt?
Weil er objektiv falsch ist?
Oder weil er nicht meinem Plan entspricht?
Und wenn ich ihn stehen lasse, was bedeutet das?
Dass ich gelernt habe, Kontrolle abzugeben?
Dass ich dem Unvorhergesehenen vertraue?
Oder dass ich irgendwann erkenne, dass ein Bild interessanter werden kann, sobald es sich meiner Kontrolle entzieht?
Ich denke, das gilt nicht nur für Bilder.
Unser Umgang mit solchen kleinen Unfällen ist eine ziemlich gute Untersuchung des eigenen Charakters.
Wir wollen vieles korrigieren.
Wir wollen, dass Dinge stimmen.
Dass Entscheidungen Sinn ergeben.
Dass Linien gerade verlaufen.
Dass Geschichten einen nachvollziehbaren Anfang und ein ordentliches Ende haben.
Und dann kommt ein kleiner Fleck.
Und macht alles… interessanter.
Ich schaue wieder auf das Bild.
Doch wer hat ihn nun eigentlich gemacht?
Ich?
Mein Unterbewusstsein?
Die Farbe?
Die Leinwand?
Die Bewegung meiner Hand?
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich an eine einzige mögliche Antwort.
Viel eher war es genau dieses Zusammenspiel.
Mein Unterbewusstsein, das zu viel Kontrolle langweilig findet.
Die Farbe, die sich nicht vollständig kontrollieren lässt.
Die Leinwand, die nicht einfach nur Träger ist.
Der Pinsel, der eine Bewegung ausführt.
Und ich, die erst im Nachhinein entscheidet, ob das alles ein Fehler war.
Oder ein Glücksfall.
Und so komme ich zum Schluss, dass der schöne Unfall womöglich genau das ist:
Ein Moment, in dem mein Unterbewusstsein und die Materie etwas gemeinsam beschlossen haben, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen.
Abstrakte Malerei für Menschen, die Tiefe und Schönheit im Unwiederholbaren suchen.
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