Why Airports Have Better Abstract Art Than Most Galleries
Warum begegnen wir abstrakter Kunst am Flughafen unbefangener als in einer Galerie? Über Kunst ohne intellektuellen Leistungsdruck, anonyme Räume und die Frage, warum Kunst für alle da sein sollte.
10/22/20263 min read
Flughäfen sind eigenartige Orte. Millionen Menschen passieren sie, ohne wirklich dort zu sein. Niemand möchte bleiben. Niemand muss sich mit ihnen identifizieren. Sie sind Übergänge zwischen zwei Orten, Zwischenräume ohne eigene Geschichte. Der französische Anthropologe Marc Augé nannte solche Orte Nicht-Orte.
Und ausgerechnet dort begegnen wir abstrakter Kunst oft mit einer grösseren Unbefangenheit als in einer Galerie.
Flughäfen müssen ihre Besucher nicht davon überzeugen, ein Kunstwerk zu kaufen. Sie müssen es nicht so auswählen, dass es über dem Sofa eines Sammlers funktioniert. Sie haben Wände, Hallen und Decken, die in einer privaten Wohnung undenkbar wären. Vor allem aber dürfen sie Kunst für ein Publikum zeigen, das unterschiedlicher kaum sein könnte.
Menschen, die Kunst lieben. Menschen, die sich nicht dafür interessieren. Menschen, die gerade ihren Anschlussflug verpasst haben. Und Menschen, die schlicht zu müde sind, um über irgendetwas nachzudenken.
Was für eine wunderbare Voraussetzung für Kunst!
Während Galerien häufig Werke präsentieren, die sich verkaufen lassen, Sammler ansprechen oder in einen bestimmten Kunstdiskurs passen, darf Kunst am Flughafen eine andere Aufgabe übernehmen. Sie darf einen Raum verändern. Farbe in sterile Architektur bringen. Unruhe dämpfen. Oder schlicht dafür sorgen, dass eine weisse Wand nicht länger aussieht, als hätte man sie vergessen.
Das klingt banal. Ist es aber nicht.
In einer Welt, in der nahezu alles einen wirtschaftlichen Zweck erfüllen muss, ist Kunst im öffentlichen Raum eine bemerkenswerte Angelegenheit. Sie ist für ein Millionenpublikum bestimmt, nicht nur für jene, die sich ihren Kauf leisten können. Manche Werke werden Teil eines Ortes, den Menschen über Jahrzehnte durchqueren. Sie gehören zum Alltag, ohne dass jemand Eintritt dafür bezahlen oder sich mit ihrem Urheber beschäftigen muss.
Kunst, die nichts von uns verlangt. Ausser, dass wir anwesend sind.
Genau darin liegt ihr besonderer Reiz. Am Flughafen haben wir keine Angst, etwas falsch zu verstehen. Wir müssen keine kunsthistorischen Kenntnisse vorweisen, keine bedeutungsschwere Interpretation liefern und auch nicht so tun, als hätten wir gerade eine tiefgreifende Erkenntnis gewonnen. Wir schauen einfach hin. Oder eben nicht.
In Galerien scheint das schwieriger zu sein.
Dort betreten wir einen Raum, in dem Kunst plötzlich eine Prüfung zu sein scheint. Wir fragen uns, ob wir etwas übersehen, ob wir genug verstehen, ob unsere Meinung überhaupt berechtigt ist. Ausgerechnet vor einem Kunstwerk beginnen wir, uns selbst zu beurteilen.
Ich finde das schade.
Für mich ist ein Kunstwerk zunächst einmal das, was es in uns auslöst. Nicht ausschliesslich das, was die Künstlerin oder der Künstler damit ausdrücken wollte. Natürlich ist der Hintergrund interessant. Aber er sollte unsere eigene Wahrnehmung nicht ersetzen. Ein Bild darf für zwei Menschen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge bedeuten. Es muss sich nicht rechtfertigen. Und wir müssen es auch nicht.
Besonders abstrakte Kunst profitiert von dieser Freiheit. Sie zeigt uns keine eindeutig erkennbare Landschaft, kein vertrautes Gesicht und keine Szene, über deren Geschmack wir uns sofort verständigen können. Sie lässt Raum. Ihre Farben, Formen und Strukturen können beruhigen, irritieren, an etwas erinnern oder schlicht gefallen. Niemand muss daraus eine Theorie machen.
An einem Flughafen akzeptieren wir diese Offenheit erstaunlich selbstverständlich. Eine abstrakte Arbeit bringt Leben in einen Raum, ohne ihm eine konkrete Geschichte aufzuzwingen. Sie ist präsent, aber nicht aufdringlich. Sie beansprucht Aufmerksamkeit, ohne sie einzufordern.
Und plötzlich begegnen Menschen Kunst, die niemals freiwillig eine Galerie betreten würden. Nicht, weil sie dort nichts zu suchen hätten, sondern weil ihnen womöglich niemand gesagt hat, dass sie willkommen sind.
Ich wünschte, wir würden Galerien mit derselben Selbstverständlichkeit betreten wie Flughäfen. Weniger Ehrfurcht, weniger intellektueller Rechtfertigungsdruck, weniger Angst vor der falschen Meinung. Mehr Neugier. Mehr Freiheit. Mehr Freude am Schauen.
Denn Kunst ist kein exklusiver Club, dessen Eintrittskarte aus Wissen besteht.
Womöglich sind Flughäfen deshalb (noch) die besseren Orte für abstrakte Kunst. Nicht, weil ihre Kunstwerke grundsätzlich besser wären. Sondern weil wir ihnen unbefangener begegnen.
Wir betrachten sie, ohne uns selbst dabei im Weg zu stehen.
Ich finde, das ist eine ziemlich gute Art, Kunst zu erleben.
Abstrakte Malerei für Menschen, die Tiefe und Schönheit im Unwiederholbaren suchen.
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