We Trust Maps More Than Compasses
Wir suchen nach Erklärungen, obwohl wir einen Kompass in uns tragen. Auch in der Kunst. Warum fällt es uns so schwer, einem Werk zu begegnen, ohne wissen zu wollen, was wir darin sehen? Und was verlieren wir, wenn wir der eigenen Wahrnehmung nicht mehr vertrauen?
8/27/20262 min read
Wir vertrauen Karten mehr als Kompassen.
Eine Karte zeigt uns, wohin wir gehen sollen. Ein Kompass zeigt uns nur, in welche Richtung wir gerade schauen.
Es ist etwas zutiefst Beruhigendes daran, wenn uns jemand die Richtung bereits vorgibt. Anleitungen. Erklärungen. Kontext. Jemand, der schon einmal dort war und uns sagen kann, was wir gerade sehen.
Gerade in der Kunst finde ich das bemerkenswert.
Ich mochte die Frage „Was soll das Bild aussagen?“ noch nie besonders.
Meine Antwort ist daher: „Was es dir sagt.“
Meine Kunst spricht für sich. Eine Aussage, die kaum wahrer sein könnte und gleichzeitig kaum unbeliebter in der Kunstwelt sein dürfte.
Denn wir lieben Erklärungen.
Wir wollen die Geschichte hinter einem Werk kennen. Wir wollen wissen, was die Künstlerin oder der Künstler beabsichtigt hat, was sie oder ihn inspiriert hat, was es bedeutet. Als würde das Wissen um die Antwort ein Werk wertvoller machen. Als gäbe es eine richtige Art, es zu verstehen.
Aber gibt es die?
Und was passiert mit unseren eigenen Gedanken, wenn jemand anderes uns seine bereits geliefert hat?
Geht es gar nicht wirklich darum, Kunst zu verstehen? Geht es um Sicherheit?
Wenn die Künstlerin das Werk erklärt hat, können wir es nicht falsch verstehen. Wenn der Kurator es interpretiert hat, müssen wir unserer eigenen Wahrnehmung nicht mehr vertrauen. Wir können einfach sagen: „Das hat die Künstlerin damit gemeint.“
Die Karte liegt bereits auf dem Tisch.
Wir müssen den Kompass nicht mehr benutzen.
Dabei wird Kunst doch gerade dort erst richtig interessant, wo die Karte endet.
Ein Bild muss nicht für jeden dieselbe Geschichte erzählen. Im Gegenteil. Ich finde es unendlich viel spannender, wenn dasselbe Werk den einen völlig kalt lässt und den anderen zutiefst aufwühlt. Wenn jemand nichts darin sieht und jemand anderes etwas erlebt, das beinahe unerträglich ist. Wenn ein Bild zu einem Spiegel wird, ohne jemals beabsichtigt zu haben, einer zu sein.
Das ist kein Scheitern von Kommunikation.
Das ist der Dialog.
Wir können erst wirklich in einen Dialog mit einem Kunstwerk treten, wenn wir unseren eigenen Gedanken und Emotionen Raum geben. Wenn wir aufhören, nach der richtigen Antwort zu suchen, und anfangen, darauf zu achten, was tatsächlich in uns geschieht.
Gerade in der abstrakten Kunst berauben wir uns eines grossen Abenteuers, wenn wir ein Bild mit einer fertigen Erklärung im Kopf betrachten.
Novalis schrieb: „Nach innen geht der geheimnisvolle Weg.“
Und dieser Weg ist bei jedem Menschen ein anderer.
Genau das macht Kunst manchmal unbequem. Sie gibt uns keine Garantie dafür, dass uns gefällt, was wir in uns selbst finden.
Eine Erklärung ist schneller. Sie ist klarer. Sie gibt uns etwas, woran wir uns festhalten können. Die eigene Intuition ist weniger bequem. Sie verlangt von uns, bei einem Gefühl zu bleiben, bevor wir es verstehen. Einen Gedanken auszuhalten, bevor er zu einem Satz geworden ist.
Denn manche Dinge lassen sich nicht in Worte fassen.
Sie müssen gefühlt werden.
Wenn ich ein abstraktes Werk erschaffe, beginne ich nicht mit einem Gedanken, den ich erklären möchte. Ich fühle. Ich reagiere. Ich lasse mich von etwas leiten, das keine Worte benutzt.
Und danach könnte ich versuchen, es zu erklären.
Aber ehrlich gesagt interessiert mich viel mehr, was passiert, wenn jemand anderes davorsteht.
Was löst das Werk aus?
Was bringt es zum Vorschein?
Was stört es?
Was zeigt es?
Der wahre Wert eines Kunstwerks liegt nicht in der Geschichte, die dahintersteht.
Er liegt in dem, was geschieht, wenn das Werk zu deiner eigenen Erfahrung wird.
Eine Karte kann dir den Weg zeigen.
Ein Kompass fordert dich auf, ihn selbst zu wählen.
Abstrakte Malerei für Menschen, die Tiefe und Schönheit im Unwiederholbaren suchen.
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