Identität ist eine kunstvolle Inszenierung
Dieser Beitrag stellt die Idee eines „wahren Ichs“ elegant infrage und versteht Identität als ein Spiel aus Schichten – gestaltet, verworfen und neu erfunden. Authentizität erscheint dabei weniger als Wahrheit denn als Stil, als bewusste Inszenierung des Selbst. Statt nach einem verborgenen Kern zu suchen, lädt der Text dazu ein, Identität als Kunstform zu begreifen: nicht etwas, das freigelegt wird, sondern etwas, das wir immer wieder neu erschaffen.
4/23/20262 min read


Man sagt uns, wir sollen „wir selbst“ sein – als gäbe es da ein Original, eine erste, reine Fassung, die nur freigelegt werden müsste. Doch wer je ein altes Gemälde betrachtet hat, weiss: Das Sichtbare ist selten das Ursprüngliche. Unter jeder Farbe liegt eine andere Entscheidung, ein verworfener Entwurf, ein überdeckter Irrtum. Identität ist keine Essenz. Sie ist ein Atelier.
Wir tragen uns selbst in Schichten. Die erste entsteht aus fremden Händen – Stimmen, die uns benennen, bevor wir sprechen können. Die zweite ist eine höfliche Anpassung an Erwartungen. Die dritte vielleicht ein Akt der Rebellion, sorgfältig inszeniert, damit er gesehen wird. Und irgendwo zwischen der siebten und zwölften Farbebene verlieren wir die Geduld, noch zwischen Echtheit und Darstellung zu unterscheiden. Wir werden zu Kuratoren unserer selbst.
Doch wer bin ich unter all dem? Diese Frage ist weniger philosophisch als ästhetisch. Denn wir stellen sie nur, wenn uns das Bild nicht mehr gefällt. Wir vermuten ein „wahres Ich“ wie ein verborgenes Meisterwerk, das durch Abtragen der Oberfläche wieder zum Vorschein kommt. Aber was, wenn es darunter nichts gibt ausser weiteren Schichten? Was, wenn das Abkratzen selbst nur eine neue Geste der Selbstdarstellung ist?
Authentizität wird gern als moralische Tugend verkauft, dabei ist sie vor allem ein Stil. Sie hat ihre Mode, ihre Codes, ihre sorgfältig gewählten Unvollkommenheiten. Der zerknitterte Hemdkragen, das ungefilterte Bekenntnis, die kuratierte Spontaneität – alles Beweise einer Echtheit, die sich bemerkenswert gut präsentieren lässt. Der moderne Mensch bekennt sich so aufrichtig, dass man meinen könnte, Aufrichtigkeit sei eine Form von Luxus.
Vielleicht liegt der Irrtum darin, dass wir Authentizität als Freilegung begreifen, statt als Komposition. Ein Gemälde gewinnt nicht an Wahrheit, wenn man es abschleift, sondern wenn seine Schichten miteinander sprechen. Die Übermalung ist kein Verrat, sondern eine Verfeinerung. Jede neue Farbe ist eine Entscheidung gegen die vorige – und damit auch ein Bekenntnis zu ihr.
So betrachtet ist die Frage „Wer bin ich wirklich?“ unbefriedigend banal. Die spannendere lautet: Welche Version von mir ist heute die überzeugendste? Oder etwas verwegener: Welche Version ist die schönste Lüge, die ich mir leisten kann, ohne mich zu langweilen?
Denn wir sind nicht das, was unter den Schichten verborgen liegt. Wir sind die, die sie auftragen.
Abstrakte Malerei für Menschen, die Tiefe und Schönheit im Unwiederholbaren suchen.
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